Penglai System - Nahe Beylix

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      „Nicht das was Sie erwartet haben, oder etwa doch, Mister Callahan?“, fragte Dr Surgliff, mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
      „Das sind aber nicht irgendwelche Kühe. Ich habe lange an der Genetik dieser Tiere geforscht und so sehr sich die Menschen im Border und Rim mit diesen Tieren umgeben, so wenig verstehen wir noch deren Potential. Schauen Sie, eine einfache Kuh liefert einen soliden Kosten-Nutzen-Faktor für einen kleinen Farmer im Rim, aber auch nur, wenn die planetarischen Umstände ideal sind. Hinzu kommt daß über Jahrtausende diese Tiere so stark auf die Bedingungen der Erde von einst in Varianten domestiziert wurden, daß das ursprüngliche Potential dieser wunderbaren Tiere mehr und mehr verlorengegangen ist. Diese Generation an Kühen jedoch, kann bereits auf Planeten direkt nach dem Terraforming existieren und sich weiter vermehren. Ich habe die Paradigmen über das Wachstum und die Fortpflanzung der Kühe lange studiert. Es war wie die Nadel im Heuhaufen, die Überbleibsel der ursprünglichen DNA zu rekonstruieren, vieles ging auf der langen Fahrt von der Erde von einst verloren. Und das Beste kommt erst noch, und das wird unsere Landwirtschaft verändern. Ich konnte die Schlüssel in der genetischen Struktur herausfiltern, die Krankheiten fördern. Als würde man eine Schere ansetzen... ja, ja...das jahrhundertelange Züchten von Hochleistungsrindern hat nicht gerade zur allgemeinen Gesundheit dieser Tiere beigetragen. Sie können jetzt natürlich behaupten ich sorge für keine Errungenschaft, sondern mache aus den Rindern wieder dies, was sie einmal waren... genau! Bedenken sie doch die wiedergewonnene Vielfalt dieser wunderbaren Tiere, wenn sich dieses Projekt durchsetzt.
      Der natürliche Methanausstoß wurde leider nicht verringert. Das ist mir dann eingefallen, als ich länger mit diesen Tieren unterwegs war und die Lüftung nicht mehr gegen den Gestank anarbeiten konnte. Aber da sind mir wohl die Hände gebunden.“
      Den letzten Satz sprach der Doktor lachend, wie eine amüsante Anekdote. Dewin räusperte sich dezent und hob eine Augenbraue deutlich, als er zum lachenden Doktor sah.
      „Ich gehe mal davon aus, daß sie uns nicht zum Ausmisten herbestellt haben. Andernfalls müsste ich mit Ihnen ein ernstes Wort wechseln...“ Er ließ den Satz einen Moment im Raum stehen und blickte den Doktor fragend an. „Nun, worum geht es?“
      Im Hintergrund war die donnernde Stimme des bulligen Kapitäns wieder zu hören. Die vielen Gänge innerhalb der Sertion fungierten als ein hervorragender Resonanzverstärker und mit einem blechernen Hall, konnte der Doktor und die Crew der Remedy einige Worte aufschnappen.
      „Soll... seine Kohle... wo hinschieben... dieser verdam... ...scheißer!
      „Vorbildliches Betriebsklima würde ich sagen“, kommentierte Dewin den schwach hörbaren Ausfall des Kapitäns des Schiffes.

      Die Sertion selber wirkte von innen ähnlich imposant wie von außen. Es war ein robuster, zuverlässiger Frachter, der zwar schon einige Jahre hinter sich haben dürfte, aber auf den ersten Blick ordentlich gewartet und geflogen wurde. Hier und dort standen zwar vereinzelt in den Gängen kleine Transportkisten herum, aber das Meiste war ordentlich an den Wänden festgeschnürt. Was für die Crew der Remedy zugegeben mehr als ungewöhnlich zu sein schien, war der umfunktionierte Frachtraum des großen Schiffes. Man hatte das Gefühl in einen riesigen Viehbetrieb zu treten, Geräuschkulisse und Gerüche inklusive. Zwischen den Kühen liefen zwei weitere Personen umher, die scheinbar die monotone, aber anhaltende Aufgabe hatten, nach dem Wohlbefinden der Tiere zu schauen. Sie trugen einfache, pragmatische Arbeitskleidung, bestehend aus einem Overall und einer kurzen Jacke, in einem neutralen Grau mit einem gut erkennbaren, gelben Logo. Auf die Entfernung konnte man aber nicht erkennen, was es genau war. An der Brust hing ein Halter für einen Ausweis und eine der Personen trug eine Tragetasche mit sich, die allerlei technisches Gerät beinhaltete. An der hohen Decke waren an einem langen Gerüst Lampenreihen angeordnet, die ein warmes Licht von sich gaben und über die gesamte Fläche der geladenen Kühe verlief. Dazu eine Vielzahl an Kameras, allesamt auf die gemütlichen Tiere gerichtet, die unbekümmert ihrer wiederkäuenden Tagesroutine nachgingen. Hier im Frachtraum herrschte ein angenehmes Tageslicht, im Gegensatz zu der kalten Beleuchtung in den restlichen Bereichen der Sertion. Die Lüftungsanlagen liefen deutlich summend im Hintergrund, vermochten sie zwar nicht den teils strengen Geruch der Tiere einzudämmen, dafür blieb die Temperatur aber auf einem sehr angenehmen Level.

      Dewin sah kurz zum Rest seiner Truppe, die direkt hinter ihm stand, als der Doktor wieder ausholte.
      „Lassen sie ihn toben, ein kostenloser Rat von mir“, sagte Dr. Surgliff schelmisch. Sein Blick wanderte über die riesige Anlage innerhalb des Frachtraums.
      „Käpt'n Ortiz gefällt es nach wie vor nicht, daß sein Arbeitgeber uns die Freigabe des Projektes auf seinem Schiff erteilte. Er hat von Anfang an nicht viel von dem Unterfangen gehalten, nennen sie es kleinmütig oder ignorant. Ihm gefällt es nicht, daß ich ebenso ein Mitspracherecht auf dem Schiff habe, kaum daß die Anlagen hier installiert wurden. Ich habe mit meinen beiden Assistenten über drei Wochen mehrere Testdurchläufe durchgeführt, bevor wir überhaupt gestartet sind, nur um sicherzugehen daß unsere Anlagen nicht die etwas veralteten Schiffssysteme überlasten. Wir haben keine Kosten und Mühen gescheut, für den guten Kapitän sogar eine bessere Versorgungseinheit nachzurüsten, damit die Energiezufuhr optimal verteilt wird, ohne daß wichtige Systeme überlastet oder angegriffen werden. Wir haben separate Sicherung für das Netzwerk verbaut, daß die schiffseigenen Systeme nicht mit der Installation unserer eigenen Einheiten kollidieren. Für die Auswertungen sämtlicher Daten nutzen wir zudem ein eigenes Intranet, einmal aus Sicherheitsgründen und damit der gute Mister Ortiz keine Angst haben muss, daß wir sein Schiff per Datentransfer anzapfen. Wir haben hier mit der Anlage auch keinen direkten Cortexzugang. Kurzum: Wir haben netzwerktechnisch unsere eigene kleine Spielwiese für dieses Projekt. Lediglich die Energieversorgung musste gekoppelt werden. Wie ich aber bereits erwähnte, haben wir hier einen Testlauf von drei Wochen durchgeführt, in dem nichts zu beanstanden war.“
      Der Doktor atmete kurz durch und die gute Laune wich etwas aus dem Gesicht. Er rieb sich eine Weile die Stirn, als müsste er den nächsten Gedanken erst festhalten.
      „Bis vor 20 Stunden verlief alles reibungslos, wir konnten ohne Komplikationen die Tiere aufnehmen. Dies war vor drei Tagen. Es fing damit an, daß wir innerhalb der Anlage stetig mit mehr und mehr Energiespitzen zu kämpfen hatten, worauf wir direkt innerhalb des Systems reagieren mussten. Manche der Anlagen sind empfindlich und wir können keinen Risiko eingehen, daß das laufende Projekt dadurch gefährdet wird, daß Daten verfälscht werden. Jedes kleinste Detail wird protokolliert über die Tiere und den Zustand der Systeme in diesem Raum. Es ging soweit, daß das System sich selber ab einem gewissen Punkt abgeriegelt hat, um die Daten zu schützen.“
      Dr. Surgliff zog die Luft durch die markante Nase und sah die Crew der Remedy nacheinander an.
      „Ich fürchte... daß es jetzt doch zu Komplikationen bei den Verteilern der Energie kam. Soweit, daß sogar die Schiffsysteme betroffen sind, aber wir können es nicht genau zurückverfolgen. Der Käpt'n hat mir kurzerhand untersagt weiter an dem System zu arbeiten, nachdem es sogar Warnmeldung aus dem Maschinenraum gab. Angeblich wären inzwischen sogar die Steuersysteme der Antriebe betroffen. Dabei macht es überhaupt keinen Sinn! Wir haben nie unsere internen System der Anlage direkt mit dem Energiekreis des Schiffes verbunden. Das lief alles über eigene Kondensatoren und Backupsysteme, verdammt!“
      Der Doktor machte wieder eine Pause und strich sich über die etwas eingefallenen Wangen.
      Cat'it! :3
    • Caleb war im allgemeinen Trubel kaum aufgefallen, als er hinter dem Rest der Crew in das fremde Schiff gefolgt war. Nicht, dass er in Trenchcoat und Stiefeln besonders unauffällig oder "heimelig" in der Forschungsstation wirkte. Er hatte, die schwarze Umhängetasche an seine rechte Hüfte gedrückt, einfach zur Crew aufgeschlossen. Erst als Dr. Surgliff das installierte Intranet erwähnt, greift Caleb routiniert in seine Tasche und beginnt mit ruhiger Miene, Details in sein kleines schwarzes Büchlein zu notieren.